Hauptreportage |
Geschäfte mit den Armen des Wohlstands wegen |
| Von: Lloyd Timberlake, Director North America Office, World Business Council for Sustainable Development |
© iStockphoto.com/adl21 Mit einer Rückzahlungsrate von über 99% hat die von Yunus aufgebaute Grameen Bank mehr als $6 Milliarden Kredite ausgegeben, half beim Bau von 640.000 Häusern, sponserte mehr als 50.000 Stipendien und Studentenkredite und veränderte die Leben von 80% der armen Familien in Bangladesh. Aufbauend auf diesem Erfolgsrekord ist Grameen kürzlich in die Bereiche Kommunikation, Ernährung und Gesundheit vorgestoßen. In seiner Dankesrede erklärte Yunus: „Die Frustration, Feindseligkeit und Wut, die durch elende Armut geschaffen wird, kann den Frieden in keiner Gesellschaft erhalten. Für stabilen Frieden müssen wir Wege finden, um den Menschen die Möglichkeit zu einem guten Leben zu bieten. Indem man „Unternehmer” breiter definiert können wir den inhärenten Kapitalismuscharakter radikal ändern und viele unserer ungelösten sozialen und wirtschaftlichen Probleme innerhalb der Bandbreite des freien Marktes lösen. Die Herausforderung besteht in der Innovation von Geschäftsmodellen und in ihrer Anwendung, um gewünschte Resultate kosteneffektiv und –effizient zu produzieren.”Große Unternehmen haben viele Gründe, um genauso zu denken wie Yunus. Viele davon beinhalten das eigene Interesse, da die Organisationen erfolgreichere und nachhaltigere Unternehmen schaffen wollen. Die Wirtschaftswelt ändert sich rapide und Firmen überlegen sich, wie sie sich mit ihr verändern. Im Jahr 2005 machte die Wirtschaft der „Schwellen– und Entwicklungsländer” (was einst als „arm” bezeichnet wurde) zum ersten Mal mehr als die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus, berichtete The Economist in einer Umfrage vom September 2006 unter dem Namen „The New Titans”.
© iStockphoto.com/peeterv Diese Verschiebung der wirtschaftlichen Balance „ist wahrscheinlich der größte Antrieb in der Geschichte”, sagte The Economist. „Wenn diese Neulinge mehr in die Weltwirtschaft integriert werden und ihre Einkommen mit denen der reichen Nationen gleichziehen, werden sie den größten Boom für die Weltwirtschaft seit der Industriellen Revolution, die lediglich ein Drittel der Weltbevölkerung beinhaltete, herbeiführen. Im Gegensatz dazu umfasst die neue Revolution fast den ganzen Globus, sodass die wirtschaftlichen Gewinne –wie auch die Anpassungsschwierigkeiten– sehr viel größer sein werden.” Viel Wachstum in der damals so genannten „Dritten Welt” ist auf die wirklich neuen Titanen wie Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika –die so genannten BRICS Staaten– zurück zu führen. Aber viele Länder in Afrika wachsen schneller als beispielsweise die USA; und der Warenboom, der durch den Mineralien– und Textilbedarf der BRICS Staaten ausgelöst wird, sollte diesen Boom für einige Zeit andauern lassen. Daher müssen die großen multinationalen Unternehmen mit weniger Geschäften im Norden, wo das Bevölkerungswachstum in vielen Gebieten stagniert, rechnen, und stattdessen mit mehr Geschäften in den Schwellenländern, wo viel vom heutigen Wirtschaftsgeschehen passiert und wo bis 2050, 85% der Weltbevölkerung angesiedelt sein wird. Aber wie sollen Unternehmen in Teilen der Welt operieren, wo trotz wirtschaftlichen Wachstums die Mehrheit der Bevölkerung arm bleibt? Tatsächlich werden 4 Milliarden aus einer Gesamtpopulation von 6 Milliarden Menschen weltweit in gewisser Weise als „arm” eingestuft. Im Jahr 2006 unterschrieben eine Zahl von CEOs, die Mitglieder des „World Business Council for Sustainable Development (WBCSD)” sind, eine Absichtserklärung für den Handel oder das Geschäft mit der Welt. Diese Erklärung enthielt unter anderem folgendes: „In der Absicht, profitable und sich selbst erhaltende Geschäfte mit den Bedürfnissen der Gesellschaft in Einklang zu bringen, haben wir die folgenden Ziele gesetzt:
Noch vor 1999 sprachen die WBCSD Mitglieder kaum über Armut, weil sie weder mit ihrer Existenz noch ihrer Beseitigung assoziiert werden wollten. Doch dann demonstrierten in dem Jahr tausende von jungen Leuten in den Straßen von Seattle vor einem Treffen der Welthandelsorganisation (WTO). Es schien den CEOs, dass die jungen Leute aus den reichen Nationen –im Prinzip ihre eigene Söhne und Töchter– nicht nur gegen Handel und Globalisierung, sondern gegen das Geschäft an sich demonstrierten. Dieses Event führte dazu, dass der Rat sich um gewisse Themen organisierte, die das Geschäft mit der Unterschicht der wirtschaftlichen Pyramide oder den Armen beinhaltete –das Geschäft mit den Armen als wirkliches Geschäft und somit potentiell wachstumsfähig ohne Limit, aber auch so, dass die Leute ihr eigenes „nachhaltiges Leben” leben können. Für viele Mitglieder schien dies ein guter Zeitpunkt, um sich bei solchen Projekten zu engagieren, denn:
Der Rat hat nun Dutzende von Beispielen von solchen Geschäften und in keinem dieser Beispiele werden die Armen mit weniger qualitativen Produkten und Dienstleistungen abgespeist, als wohlhabendere Kunden. Dennoch ist die Art, wie das Produkt verkauft wird, manchmal anders.
© iStockphoto.com/micheldenijs Die Saatkornfirma Pioneer Hybrid, die nun Teil von DuPont ist, verkauft Saatgut, Düngemittel und Pestizide in Kenia. Doch diese Produkte wurden traditionell in 50-Kilo Säcken oder noch mehr verkauft –eine Investition von Einkommen aus mehreren Wochen, die sich die meisten Farmer nicht erlauben konnten und auch nicht tragen konnten. Eine lokale NRO arbeitete mit Pioneer und Farmern im Siaya Bezirk zusammen, um die Produkte in kleinere erschwingliche Mengen umzupacken. Farmer können nun eine Menge von 250 Körnern eines lokalen Gemüses für fünf Schilling ($0,06) kaufen und für noch 10 Schilling ($0,12) können sie sich eine Packung Düngemittel für 150 Pflanzenlöcher zulegen. Ein guter Farmer kann durch die Nutzung dieser Packungen irgendwo zwischen 2000 und 4000 Schilling ($25-$40) verdienen. Der Umsatz von Pioneer ist aufgrund dieser neuen Methode gestiegen. Der südafrikanische Energieversorger Eskom liefert ungefähr 95% der Elektrizität im Land. Jedoch hatten vor 1994 nur 12% der ländlichen Bevölkerung Zugang zu Strom. Zwischen 1994 und 2000 versprach Eskom 1,75 Millionen Häuser mit Stromleitungen auszustatten. Probleme bei der Erreichung dieses Ziels waren die Kosten pro Verbindung, ein fehlendes Verständnis der Gemeinde bei diesem Programm und die fehlende Bezahlung seitens der Stromempfänger. Die Firma entwickelte daraufhin bessere Interaktionsprogramme für die Gemeinde, Vorauszahlungssysteme und die Chips, die diese speisten. Lokale Läden verkauften diese Chips und lokale Arbeiter wurden in der Installation und Instandhaltung der Systeme geschult. Dadurch schaffte Eskom in der Region Arbeitsplätze, wobei die Firma ihre eigenen Verbindungs– und Instandhaltungskosten reduzierte. In den meisten Ländern verkaufen Zementfirmen an den Großhandel und der Einzelhändler verkauft dann weiter an die Baufirmen. Aber in Entwicklungsländern bauen die meisten Leute ihr Haus selbst. Apasco, eine mexikanische Tochter der globalen Zementfirma Holcim, realisierte, dass der Zementverkauf durch eine Reihe von Mittelmännern die Preise dramatisch erhöhte. Durch die Eröffnung von neuen Distributionszentren in entlegenen Gebieten, wo Zement Sack für Sack einzeln gekauft werden konnte, und durch Technik– und Sicherheitsberatung für die Hausbauer, konnte Apasco verantwortungsbewusst an die Armen verkaufen. Die gelernte Lektion aus Mexiko wird nun im Hauptquartier untersucht und geprüft, ob die Methode auch anderswo anwendbar ist. Viel wurde bereits über die Art von Mikro-Finanzierung, die von Yunus eingeführt wurde, geschrieben: die Gewährung von kleinen, kurzfristigen Krediten an ärmere Menschen, sodass sie in ihre Firmen, Häuser oder die Schulbildung ihrer Kinder investieren können. Ein Problem dabei sind die Transaktionskosten. Wenn man Kredite ausgibt, die niedriger sind als das Gehalt derjenigen, die die Kredite ausstellen, dann ist man bald bankrott. Die Firma Vodafone kürzt ihre Transaktionskosten, indem sie ihren Kunden hilft, ihre Mobiltelefone für ihr Geldmanagement zu verwenden. Nach einem erfolgreichen Pilotprogramm in Kenia hat die Firma einen Service eingerichtet, der es Kunden erlaubt, über ihre Mobiltelefone an Bargeld zu gelangen. M-PESA erlaubt es den Kunden, über ihr Mobiltelefon Geld zu leihen, zu überweisen oder zu bezahlen; dies wandelt Finanzdienstleistungen grundlegend um, indem es Transaktionen günstiger, schneller und sicherer macht. Vodafone CEO Arun Sarin sagte, dass seine Firma signifikantes Wachstumspotential in Entwicklungsländern wie Kenia sieht, weil Studien zeigen, dass Mobilfunktechnologie das soziale und wirtschaftliche Wachstum in diesen Ländern revolutionieren kann. „Das wird nicht aus selbstlosen Gedanken heraus gemacht”, sagte er. „Wir haben nicht den Wunsch die Rolle von Regierungen oder NROs zu übernehmen oder einen exklusiv philanthropischen Ansatz für Gutes einzunehmen. Stattdessen erkennen wir, dass rund 20% der weltweiten Mobilfunknutzer aus Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen stammen und wir sehen, dass die nächste Milliarde von Mobilfunknutzern wahrscheinlich in Märkten leben wird, die sehr unterschiedliche Bedürfnisse als die unseren haben.” Durch das Pilotprogramm erhielten bestehende Kreditkunden ein Mobiltelefon mit dem sie elektronische Amortisationszahlungen leisten konnten. Jedes Telefon ist mit einer speziellen „subscriber identity module” (SIM) Karte ausgestattet, die die Transaktionen ermöglicht. Die Kunden können ebenfalls Zahlungen an andere Personen leisten, Gesprächszeit für den Wiederverkauf oder Eigenbedarf kaufen und Kontodaten abfragen.
© iStockphoto.com/PeteWill Vodafone zufolge brachte das Pilotprojekt den Nutzern einige wichtige Vorteile. Die Klienten empfanden M-PESA als sicher und benutzerfreundlich, weil sie keine großen Mengen an Bargeld mit sich tragen mussten und sie konnten über die Öffnungszeiten hinaus Bankgeschäfte abwickeln, was den Vorteil von weniger Ausfallraten mit sich brachte. Das Geschäft mit den Armen dreht sich nicht nur um den Verkauf an sie; es geht auch um den Kauf von ihnen. In den letzten 50 Jahren wurde der amerikanische Konsumgüterhersteller SC Johnson zu einem der größten Nutzer von natürlichem Pyrethrum bei seinen Produkten für Insektenbekämpfung im Haushalt. Ein Gänseblümchen, das als Pyrethrum bekannt ist, ist die Quelle für ein natürliches Insektizid, dass sich in der Umwelt schnell biologisch abbaut. Die Pyrethrum Blume wird von kleinen Farmern im Hochland von Kenia angebaut und an SC Johnson vertrieben. Als SC Johnson im Jahr 1950 Raid® als weltweit erstes kommerzielles Aerosol-Insektizid einführte, entschied sich das Familienunternehmen zur Nutzung von umweltfreundlichem Pyrethrum als aktivem Inhaltsstoff. Die Firma wurde für die Hochlandgemeinde wichtig, weil sie die Existenz von mehr als 200.000 Kenianischen Farmern und ihren Familien sicherte. Als günstigere synthetische Stoffe bekannt wurden blieb SC Johnson beim natürlichen Pyrethrum, weil die Firma die lange Beziehung schätzte, die sie mit dem „Pyrethrum Board of Kenya (PBK)” und den Hochlandfarmern aufgebaut hatte. Stattdessen fokussierte SC Johnson seine Bemühungen auf die Unterstützung des PBK, um das natürliche Pyrethrum effizienter produzieren zu können. Öl– und Bergbauunternehmen operieren oft in ländlichen Gegenden und sind von armen Landwirten und Farmern umgeben. Da sie keine Produkte haben, die sie an die lokalen Menschen verkaufen können, konzentrieren sich ihre Geschäftsstrategien auf die Integration der lokalen Firmen in ihre Lieferkette („supply chain”).
© iStockphoto.com/Veni BP managt eine Investition in Höhe von ungefähr $20 Milliarden für die Entwicklung von Ölfeldern und Pipelines in der Südkaspischen Region, die 10 Milliarden Barrel Öl enthält, aber wo mehr als 60% der Haushalte sich den „Standard-Warenkorb” nicht leisten können. Zusammen mit seinen Partnern hat BP einen Mechanismus entwickelt, der kleine und mittelständische Unternehmen effektiver in die Lieferkette der Ölbranche einbindet. Deswegen wird die Entwicklung von Fähigkeiten und Zuverlässigkeit zu einem kritischen Bestandteil der Geschäftsinteressen von BP. BP und die Norwegische Ölfirma Statoil unterstützen zusammen mit ihren Geschäfts– und Entwicklungspartnern einen Fond in Aserbaidschan, der das Leistungsvermögen unter den Lieferanten in der Ölbranche stimuliert; der Plan würde sowohl das Geschäft von BP verbessern und auch Arbeitsplätze in der Gesellschaft schaffen. BP, Statoil und Unocal betreiben ein $600.000 schweres Programm mit der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und der Internationalen Finance Corporation (IFC) –dem privaten Sektorarm der Weltbank– um die „Supply Chain Technical Assistance Organization” zu gründen. Diese Partnerschaft soll den lokalen Firmen in Aserbaidschan helfen, aktiver bei Geschäftsmöglichkeiten, die mit großen Öl– und Gasfelderschließungen zusammenhängen, mitzuwirken. Das Projekt wird mindestens 30 lokale Firmen in Sektoren engagieren, die langfristige Chancen in der Öl– und Gasbranche bieten. Unterstützung wird an ihre Bedürfnisse angepasst, indem Themen wie Geschäftsplanung, Kapitalbedarf und Management Training angesprochen werden, sowie das Erreichen von Standards, die von der International Business Community in Baku gefordert werden. Dieser Artikel begann mit der Vision eines Nobelpreisträgers und endet mit der eines weiteren. Der Nobelpreisträger für Wirtschaft, Amartya Sen, ein Indianer der nun an der Harvard Universität unterrichtet, hat nicht viel zum Thema Business zu sagen, aber er vertritt eine Ansicht über Entwicklung, die für Unternehmen sehr wichtig ist, besonders für solche, die sich für Menschenrechte einsetzen. Sen hat ein Buch mit dem Namen ”Development as Freedom” geschrieben, in dem er diskutiert, dass die Befreiung der Menschen es ihnen ermöglicht, ihr eigenes Leben zu kontrollieren, inklusive der wirtschaftlichen Aspekte dieses Lebens. Er schreibt zusätzlich –und das ist die wichtige Nachricht für Unternehmen– dass Entwicklung die Menschen befreit. Natürlich ist das Business an sich bereits eine wichtige Kraft für die Entwicklung: es werden Arbeitsplätze und Geschäftsmöglichkeiten geschaffen, Steuern gezahlt und Technologien verbessert. Aber die Logik von Sens Argument ist, dass die Firmen durch die Einnahme einer nachdenklicheren, strategischen Rolle mithelfen, Menschen zu befreien und sie bei der Realisierung des größten Menschenrechts unterstützen. |
